Landkreis gefordert - Biosphärenreservat in Gefahr

Lüneburg, 17.01.2013 - In die Klärung der Frage nach Ursache und Umfang der schadstoffbelasteten Böden in Alt Garge scheint jetzt Bewegung zu kommen. Wie der Landkreis vorgestern mitteilte, seien Maßnahmen eingeleitet worden, "um die Bedeutung der Schadstoffe für Boden und Grundwasser zu klären sowie den Schutz von Menschen und Umwelt in Alt Garge zu gewährleisten". Inzwischen aber rührt sich Kritik in der Region. Nicht nur Alt Garger Bürger sind besorgt und fragen sich, warum den Problemen nicht schon früher auf den Grund gegangen wurde.

Wie berichtet, wurde beim Deichbau im Bleckeder Ortsteil Alt Garge am 19. Dezember 2012 stark schadtsoffbelasteter Boden mit auffallend hohen Arsenwerten vorgefunden. Der Landkreis vermutet als Ursache eine Alt Garger Altlast: das ehemalige Kohlekraftwerk. "Wir gehen davon aus, dass die hohe Arsenbelastung von bis zu 100 Mikrogramm pro Liter höchstwahrscheinlich auf abgelagerte Flugasche des ehemaligen Kohlekraftwerks zurückzuführen ist", sagt Kreisrätin Monika Scherf.

Aus Sicht des Landkreises kommen zwei Orte in Frage, an denen das Material aus dem Kraftwerk gelagert wurde: am Zwischenlager "Im Haken" sowie an der Ablagerung im ehemaligen Bodenabbau südwestlich des Kraftwerkstandortes. Hier sollen demnächst unter Einschaltung eines Gutachters Proben gezogen werden, um sie auf Schwermetalle, Arsen, Dioxine sowie weitere organische Verbindungen zu untersuchen. Außerdem soll ein Profil der beiden Orte erstellt werden, um die genaue Ausdehnung und Menge der Flugasche-Ablagerungen feststellen zu können.

Anschließend will der Landkreis weitere Untersuchungen des Bodens und des Grundwassers vornehmen. Für das Gelände des ehemaligen Porenbetonwerks, wo sich die Deichbaustelle befindet und im Dezember die Bodenbelastungen festgestellt wurden, liege bereits ein Baugrundgutachten als Grundlage für weitere Entscheidungen vor, teilte der Landkreis mit. "Wir hoffen, dass wir bei passender Wetterlage bis Ende Januar erste Ergebnisse vorliegen haben", sagte Scherf. Dann soll auch feststehen, ob und welche weiteren Maßnahmen notwendig seien, so der Landkreis.

|| Landkreis waren Altlasten nicht unbekannt ||

Kenntnis über die Altlasten in Alt Garge hat der Landkreis allerdings schon lange. Denn von 1995 bis 2011 war die Altlast "Deichweg" auf der Halbinsel Werder in Alt Garge - also mitten im Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue - als gefährliche Altlast im Altlastenkataster des Landes geführt. Das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) hatte diese Deponie mit 93 von 100 möglichen Punkten auf der Schadstoffskala eingestuft.

Im Jahr 1995 wurde sie - ausgelöst durch eine vom Land veranlasste Nachermittlung - zunächst auf 71 Punkte herabgestuft. Als Grund für die immer noch relativ hohe Bewertungszahl führte das Land an, dass sich 200 Meter nordwestlich der altlastverdächtigen Fläche häusliche Trinkwasserbrunnen befanden. Dieser Einschätzung hatte sich auch der Landkreis angeschlossen, der die Deponie 1996 mit ebenfalls 71 Punkten in sein Kataster aufnahm. Inzwischen ist die Bewertungszahl aber auf 46 Punkte reduziert worden, da die Rechte an den Trinkwasserbrunnen erloschen seien.

|| "Untere Bodenschutzbehörde sieht keinen Erkundungsbedarf" ||

Der Landkreis selbst hat bislang keine Untersuchungen vorgenommen, um sich ein Bild von der tatsächlichen Situation vor Ort zu machen. Zwar kündigte der damalige Niedersächsische Umweltminister Hans-Heinrich Sander im Sommer 2011 an, dass sich die Untere Bodenschutzbehörde, also der Landkreis Lüneburg, um das Problem kümmern und die Deponie untersuchen werde, doch geschehen ist seitdem nichts. "Auf Basis der aktuellen Bewertungszahl von 46 Punkten sieht die zuständige Untere Bodenschutzbehörde keinen aktuellen Erkundungsbedarf und keinen Bedarf für spezielle Monitoring-Maßnahmen", heißt es in einer Antwort der Landesregierung auf eine Anfrage der Landtagsfraktion der Grünen vom 13. Juli 2011.

Den jetzt angekündigten Aktivitäten begegnet die "Bürgerinitiative Altlastenfreies Elbtal" aus Bleckede daher auch mit Skepsis. "Über die Firma Vattenfall konnten wir am 15. Januar in Erfahrung bringen, dass erst für die Zeit nach den Landtagswahlen Beprobungen auf Arsen geplant seien", berichtet Werner Schulze von der Bürgerinitiative (BI). Er hatte von Vattenfall selbst erfahren, dass ein für den 15. Januar in Alt Garge geplanter Ortstermin kurzfristig wieder abgesagt worden sei.

|| Entsorgung kostet Millionen ||

Werner Schulze glaubt auch den Grund für die bislang nicht durchgeführten Beprobungen zu kennen: "Sollte der Landkreis tatsächlich beproben, so wäre er anschließend für die Entsorgung der Giftstoffe, des verseuchten Bodens und der gefundenen Abfälle verantwortlich." Je nach Art, Umfang und Höhe der dann bekannt gewordenen Schadstoffe könne dies nach Einschätzung der BI durchaus ein mehrstelliger Millionenbetrag sein.

Inwieweit auch der ehemalige Kraftwerkbetreiber HEW, heutige Vattenfall, in die Alt Garger Altlasten-Aufarbeitung eingebunden werden kann, bleibt abzuwarten und dürfte davon abhängig sein, wie hoch der Anteil der arsenbelasteten Flugasche in den Bodenproben ausfällt.

Ein erheblicher Kostenanteil wird aber dennoch vermutlich am Landkreis hängen bleiben, denn in der rund 50.000 Kubikmeter umfassenden Deponie am Werder wurde nicht nur Flugasche aus dem Kraftwerk abgelagert. "Die Deponie ist randvoll mit Autowracks, Autoreifen, Kühlschränken, Ölfässern und anderem Müll", so die BI und folgert: "Dafür kommt Vattenfall wahrscheinlich nicht auf."

|| Altlasten gefährden Biosphärenreservat-Status ||

Zum Thema Geld wies die BI auch auf einen weiteren Aspekt hin, der für den Landkreis teuer werden könnte: Alt Garge und damit die drei derzeitigen Problemgebiete - die Deponie "Im Haken", der Bodenabbau südwestlich des ehemaligen Kraftwerkstandortes und das Werksgelände des ehemaligen Porenbetonwerks - liegen inmitten des von der UNESCO ausgewiesenen Biosphärenreservats "Flusslandschaft Elbe" und des Niedersächsischen Biosphärenschutzgebietes der Kategorie C, dem für den Aspekt des Naturschutzes wertvollsten Bereich. Hierfür erhält der Landkreis stattliche Fördermittel, um Flora, Fauna und Habitat dieser Region zu erhalten und zu schützen.

Die zuständige Behörde in Brüssel ist über die Vorgänge in Alt Garge inzwischen informiert. "Wir haben die Behörde über die Altlasten in Kenntnis gesetzt, es gibt dazu jetzt zumindest schon mal ein Aktenzeichen", informierte die BI.

Lesen Sie hierzu auch den Kommentar.

 

Kommentare  

0 # Caspar Sänger 2013-02-03 20:41
Das kann doch alles gar nicht wahr sein.
Ich glaube das nicht. Niemals im Naturschutzgebi et. Das werden die Behörden schon genau geprüft haben.
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