Foto: LGheute02.08.2015 - Und? Wissen Sie es noch? Kennen Sie noch den Unterschied zwischen zusammenkommen und zusammen kommen? Nein? Das muss nicht unbedingt an Ihrem Sexualleben liegen, es könnte auch die deutsche Rechtschreibreform sein. Die kennen Sie doch noch, oder? Vor zehn Jahren wurde sie offiziell eingeführt. Einfacher und leichter sollte es durch sie und mit ihr werden, endlich Schluss sein mit komplizierten Satzkonstruktionen und denkanstrengenden Wortgebilden, für jeden schnell erfassbar, damit auch der schlichtere Geist sich an dem Gefühl erbauen konnte, endlich alles verstanden zu haben. Dass dies nicht klappen konnte, war schon damals Vielen klar. Jetzt, nach zehn Jahren, ist die propagandistische Euphorie der Trommler für den orthographischen Sündenfall verstummt, zurückgeblieben ist ein Chaos im Schreiben und im Denken, wie die FAZ treffend feststellt.

Die Rechtschreibreform war einer der unzähligen Anbiederungsakte bundesdeutscher Politiker, mit denen seit Jahren angebliche Bildungsgerechtigkeit hergestellt werden soll. Was aber Bildung mit Gerechtigkeit zu tun hat, konnten sie in all diesen Jahren ebenso wenig erklären wie eine Antwort darauf geben, wie die für dieses Land angeblich so wichtige Ressource Bildung durch ein kontinuierlich sinkendes Bildungsniveau an den Schulen erreicht werden soll.

Stimmt nicht? Nun, Sie mögen einwerfen, dass der Anteil der Schulabgänger mit Hochschulabschluss eines Jahrgangs von etwa 23 Prozent Mitte der siebziger Jahre auf heute 44 Prozent gestiegen ist. Das aber widerlegt das oben Gesagte nicht, es bestätigt es vielmehr. Denn zur "Bildungsgerechtigkeit" gehört nicht zuletzt das Bemühen, möglichst Vielen den ersehnten Hochschulzugang zu ermöglichen – man muss den Lernstoff nur so weit abspecken, bis die gewünschte Quote erreicht ist.

Dass es dann die Universitäten sind, die laut aufschreien, weil ihnen mit den Erstsemestlern oftmals Kandidaten gegenübersitzen, die zwar langanhaltend diskutieren können, aber nicht in der Lage sind, ein mehrteiliges Satzgfüge fehlerfrei aufs Papier zu bringen, geschweige denn, dessen logischen Zusammenhang zu erfassen, ist das eigentliche Problem. Denn es sind zuvorderst die Universitäten, deren Professoren den stets überforderten Politikern immer wieder aufs Neue pädagogische Konzepte mit "bildungsgerechten" Zielen verkaufen, die alles sind, nur eben nicht gerecht. Traurig daran ist, dass diese Professoren heute selbst nicht mehr begreifen, was sie da anrichten.

Und: Indem mit der Rechtschreibreform auf das Erlernen auch komplizierterer Zusammenhänge verzichtet wird, wird damit bewusst oder unbewusst gerade das gestärkt, das angeblich vermieden werden sollte: der Verlust an Bildung. Gewinner werden wie immer diejenigen sein, die sich dennoch der Mühe und nicht selten auch des Vergnügens unterziehen, einen Blick tiefer in die Materie einzutauchen.