In Madrid sinken unverhofft die Corona-Zahlen, doch Berlin interessiert es nicht  

Foto: LGheute15.11.2020 - Die Stimmung ist düster. Jedenfalls in Deutschland. "Weitere harte Monate" hat Corona-Kanzlerin Angela Merkel just angekündigt und vorsorglich an die Spanische Grippe erinnert, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts mehr als 20 Millionen Tote forderte, manche sprechen gar von 50 Millionen. In Deutschland hat Corona aktuell etwas mehr als 12.000 Leben gekostet, die mit dem Virus "in Verbindung stehen". Eine Übersterblichkeit, also signifikante Erhöhung der allgemeinen Sterberate, ist nicht zu verzeichen. Dennoch soll über weitere bundesweite "Verschärfungen" nachgedacht werden. Dass es auch anders geht, wie das "Wunder von Madrid" zeigt, interessiert die Politik offenbar aber herzlich wenig.

1.514 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden meldeten die Gesundheitsbehörden der spanischen Hauptstadtregion, die von der Pandemie im Frühjahr noch am härtesten getroffen wurde, an diesem Freitag. Vor zwei Monaten, am 18. September, waren es fast 7.000. "Die 14-Tage-Inzidenz lag bei mehr als 800 Fällen pro 100.000 Einwohner, heute sind es 324 – in ganz Spanien sind es knapp 500", schreibt FAZ-online und spricht von dem "Wunder von Madrid".

Doch nicht nur die "FAZ" wundert sich über das plötzliche Absinken der Corona-Fälle in Madrid, das noch im September als das "spanische Epizentrum der Pandemie" galt, auch die Tageszeit "Die Welt" will beobachtet haben, dass andere spanische Regionen, die trotz strengerer Einschränkungen des Virus einfach nicht Herr werden, "nach Madrid mit einer Mischung aus Neid und Skepsis" schauen. 

Die Zahlen spechen jedenfalls für sich. Die Zahl der Fälle je 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen ist allein von Mittwoch auf Donnerstag von 161 auf 152 gefallen. "In Spanien haben von den insgesamt 17 sogenannten Autonomen Gemeinschaften nur die Inselregionen (die Kanaren und die Balearen), sowie Galicien und Valencia bessere Werte", wie die "FAZ" berichtet. Und weiter: "Eine derart schnelle Verbesserung der Lage wie in Madrid wird aber nirgendwo registriert. Und selbst mehrere deutsche Bundesländer hatten nach Angaben des Robert-Koch-Instituts zuletzt deutlich schlechtere 7-Tage-Werte, darunter Berlin (190,8), Bayern (180,7) und Bremen (173,8). Für ganz Deutschland betrug diese Inzidenz 140,4."

Über belastbare Gründe für die unverhoffte Widerstandsfähigkeit der Madrilenen gegen das Virus können "FAZ" und "Welt" indes nur Mutmaßungen anstellen. Als relativ plausibel vermuten beide jedenfalls die Hartnäckigkeit von Regionalpräsidentin Isabel Diáz Ayuso. Sie hatte sich gegen den von der Zentralregierung verhängten härteren Lockdown gesperrt und war bei ihrem "Konzept der 'chirurgischen' Eingriffe" geblieben, wie die "FAZ" schreibt – das genaue Gegenteil also von der erklärten Strategie von Merkel und Co. 

In Berlin und München ist man gleichwohl weit davon entfernt, auch nur ansatzweise Notiz vom "Madrider Wunder" zu nehmen. Anders ist es jedenfalls nicht zu erklären, warum man erneut auf Verschärfungen setzen will.

Aber auch das ZDF glänzt mit gewohnter Missachtung, wenn nicht Unkenntnis der spanischen Verhältnisse. Immerhin aber hatte Fernseh-Moderator Theo Koll heute im "Bericht aus Berlin" den saarländischen Ministerpräsidenten (den Namen habe ich vergessen) gewagt zu fragen, ob die angestrebte Novellierung des Infektionsschutzgesetzes nicht ein "Persilschein" für die Bundesregierung sei. Schließlich soll damit der Bundestag nicht nur weiterer Rechte beraubt, sondern auch das bisherige, verfassungsrechtlich äußerst fragwürdige Handeln der Bundesregierung und der Ministerpräsidenten nachträglich (!) gerechtfertigt werden.

Dass Theo Koll sich mit der Antwort des (wie hieß er noch?) Ministerpräsidenten begnügte, das Parlament werde auch künftig "beteiligt" werden, spricht für sich. Dass Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten weiter den Weg des "Lockdowns" beschreiten wollen, statt auf offenkundig wirksamere Konzepte zu setzen, ebenfalls.