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Zeitung ohne "Gedächtnis"

Medienhaus Lüneburg gliedert Archiv aus – Kunden seit über einem halben Jahr ohne Zugang

Die "Landeszeitung" lässt ihre Kunden derzeit nicht mehr ins Archiv. Foto: LGheuteLüneburg, 08.07.2024 - Was ist bei der "Landeszeitung" los? Das fragen sich viele, die es gewohnt sind, einen Blick nicht nur in die täglichen Ausgaben der Lokalzeitung zu werfen, sondern auch regelmäßig das Archiv des Verlagshauses nutzen. Doch seit über einem halben Jahr ist der Zugang zum Archiv gesperrt, wegen einer "technischen Umstellung", wie es heißt. Inzwischen aber ist klar: Das Archiv wird komplett ausgegliedert. Das wirft Fragen auf.

Wer wissen will, wie hoch Stadt und Kreis aktuell verschuldet sind, wieviel Geld die Stadt für den kostspieligen Bau der LKH-Arena zubutterte, wo Königin Elizabeth II bei ihrem Kurz-Besuch in Lüneburg übernachtete und warum das historische Badehaus im Lüneburger Kurpark weichen musste, hatte bislang stets eine gute Quelle: das Archiv des Medienhauses Lüneburg. Nahezu punktgenau gibt es Auskunft auf jede Online-Abfrage, ermöglicht durch einen entsprechenden Internet-Zugang. Dort lagern nicht nur sämtliche Ausgaben der "Landeszeitung" und der "LünePost", auch das wertvolle Fotoarchiv und andere zeithistorische Doumente sind dort archiviert.

Doch das "Gedächtnis" der Zeitung, wie das Archiv auch gern genannt wird, bekommt eine neue Adresse. Künftig sollen die Dokumente nicht mehr Am Sande, sondern im Lüneburger Stadtarchiv an der Wallstraße untergebracht werden. Ein Großteil soll dort bereits angekommen sein, auch die Verlags-Archivarin soll dort inzwischen ihren Arbeitsplatz haben, wie zu hören ist.

"Technische Umstellung" nennt der Verlag den Umzug, der inzwischen länger als ein halbes Jahr dauert. Seitdem bittet das "Medienhaus Lüneburg" seine zahlenden Kunden – nur sie haben Zugang zum Online-Archiv – um "etwas Geduld". 

◼︎ Zahlende Kunden außen vor

Während aber die hauseigenen Redakteure auf das Online-Archiv zugreifen können, bleiben die zahlenden Kunden weiter außen vor. Bereits im Februar fragte LGheute deshalb nach den Gründen und die noch zu ewartende Dauer der Sperrung. Anzeigenleiter Thomas Grupe damals: "Der 'Umzug' unseres Archivs wird nicht nur von Systemkomponenten, sondern auch von weiteren internen/externen Faktoren beeinflusst. Vor diesem Hintergrund werden Sie von mir keinen konkreten Termin genannt bekommen."

Einen Termin für die Öffnung des Archivs wollte Grupe auch heute, fünf Monate später, erneut auf Nachfrage nicht nennen. Auch zu den Gründen, warum das Medienhaus Lüneburg das Herzstück seines Verlags, das Achiv, ausgliedert, wollte er sich nicht äußern. Interne Entscheidungen würden "nicht außerhalb unserer Organisation" geteilt, so die Antwort. 

◼︎ Unerklärliche Geheimnistuerei

Warum aber diese unerklärliche Geheimnistuerei? Warum sagt der Verlag nicht, was ohnehin längst Stadtgespräch ist? Dass nämlich der Verlag offenbar nach Möglichkeiten sucht, Kosten zu reduzieren. Denn die "LZ" leidet wie viele andere Lokalzeitungen auch unter schwindenden Auflagenzahlen, hinzu kommen steigende Kosten für den Vertrieb der Print-Ausgabe, nachdem Zeitungsausträger nach Mindestlohn bezahlt werden müssen. Weil aber nicht nur der Mindestlohn kontinuierlich steigt, sondern auch austragewillige Nachtarbeiter immer rarer werden, legen die Kosten weiter zu. Diese werden inzwischen in regelmäßigen Abständen an die Abonnenten weitergegeben, die nun ihrerseits häufig das Weite suchen – ein Teufelskreis.

Mit seinem Schweigen jedenfalls öffnet der Verlag Raum für Spekulationen. Denn die Ausgliederung des Archivs könnte, nachdem die "LünePost" inzwischen nur noch einmal pro Woche erscheinen darf, der Start für eine größere Umstrukturierung des Medienhauses in den kommenden Monaten sein. Nicht unwahrscheinlich ist dabei, dass das Verlagshaus Am Sande freigemacht oder zumindest verkleinert werden soll für neue Nutzungen jenseits publizistischer Aktivitäten. Schließlich sind die Immobilien am Platz Am Sande noch Gold wert.