LGheute im Gespräch mit Yvonne Hobro, beim Landkreis zuständig für das Gesundheitsamt, über Inzidenzwerte, Mutationen und Perspektiven aus der Krise

Yvonne Hobro, die Leiterin des Fachbereichs Soziales beim Landkreis Lüneburg, zeigt sich optimistisch bei der Überwindung der Pandemie. Foto: LGheuteLüneburg, 09.03.2021 - Seit knapp zwei Wochen liegt der Inzidenzwert im Landkreis Lüneburg unter 35 – im bundesweiten Vergleich eine herausgehobene Position bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie. Dennoch scheint ein weiteres Sinken der Infektionszahlen kaum möglich. Über die Gründe dafür, welche Rolle Virus-Mutationen dabei spielen und wann wieder ein "normales Leben" möglich sein wird, hat LGheute mit Yvonne Hobro gesprochen. Als Leiterin des Fachbereichs Soziales im Landkreis Lüneburg ist sie auch für das Gesundheitsamt zuständig.

 

Frau Hobro, der Landkreis Lüneburg glänzt mit konstant niedrigen Inzidenzwerten. Was machen Sie besser als andere Landkreise?

Hobro: Zu den wichtigsten Faktoren gehört, dass die Bürgerinnen und Bürger sich sehr gut an die geltenden Regeln halten und dadurch das Weitertragen des Virus erschweren. Außerdem bearbeitet unser Gesundheitsamt jeden einzelnen Corona-Fall äußerst gewissenhaft und sehr schnell. Wenn uns ein positiver Fall gemeldet wird, geschieht die Kontaktnachverfolgung innerhalb desselben Tages. Das bedeutet, dass notwendige Quarantäneanordnungen unmittelbar erfolgen, so dass das Virus kaum Zeit zur weiteren Ausbreitung hat. Nicht zuletzt gehen wir bei vermehrt auftretenden Corona-Fällen in Unternehmen oder Senioreneinrichtungen immer auf Nummer sicher: Falls erforderlich, testen wir dort das Umfeld, um weitere Infektionen frühzeitig zu erkennen.

Dennoch sinkt der Inzidenzwert gegenwärtig nicht weiter. Was ist der Grund?

Wir gehen davon aus, dass ein großer Teil der Neuinfektionen inzwischen auf die Corona-Mutation B.1.1.7 zurückgeht und diese wesentlich ansteckender als das ursprüngliche SARS-CoV-2-Virus ist.

Wie hoch ist denn der Anteil von B.1.1.7 inzwischen? und um welche Varianten handelt es sich dabei? 

Ein genauer Anteil lässt sich leider nicht bestimmen, weil nicht alle Proben auf die Varianten untersucht werden, sondern die Überprüfung von den Laboren automatisch nur an einem bestimmten Anteil der Proben durchgeführt wird. Das Gesundheitsamt kann bei Verdacht die Sequenzierung im Nachhinein beauftragen. Auffällig ist beispielsweise, wenn eine Person innerhalb kürzester Zeit mehrere andere Personen ansteckt, auch wenn sie wenig Kontakt mit ihnen hatte.

Wurden noch weitere Mutationen gefunden?

In den Fällen, bei denen die Überprüfung vom Gesundheitsamt beauftragt wurde, bestätigte sich stets die Variante B.1.1.7.  Eine weitere Mutation ist im Landkreis Lüneburg bisher nicht aufgetreten. 

Was müsste Ihrer Einschätzung nach unternommen werden, um den Inzidenzwert weiter sinken zu lassen?

Wir haben sofort auf die veränderte Situation durch B.1.1.7 reagiert, indem wir die Quarantäneregeln angepasst haben: Wird ein Zusammenhang mit der britischen Corona-Mutation nachgewiesen, wird eine verlängerte Quarantäne für drei Wochen ausgesprochen. Ein "Freitesten" ist erst nach zwei Wochen möglich.

Sind die letzten Todesfälle darauf zurückzuführen?

Todesfälle sind im Zusammenhang mit der Mutation bei uns glücklicherweise bisher nicht aufgetreten. Hier stehen wir aber noch am Anfang. Momentan sehnen sich viele Menschen nach mehr Freiheit und einer Lockerung des Lockdowns, sie sollte jedoch vorsichtig erfolgen.

Was halten Sie von den jetzt gestarteten Schnelltests? Könnten sie zu einer Entspannung beitragen?

Schnelltests sind immer nur eine Momentaufnahme – sie sollten kein falsches Sicherheitsgefühl hervorrufen. In einigen Fällen können sie jedoch sinnvoll sein. Bei Ausbrüchen in Pflegeeinrichtungen und Unternehmen hat unser Gesundheitsamt Schnelltests erfolgreich eingesetzt, um verdeckte Infektionen ausfindig zu machen und die Infektionswege schnell und konsequent zu unterbrechen. Auch in Kitas und Schulen etwa kann man das Personal regelmäßig testen, um verdeckte Infektionen sichtbar zu machen und eine weitere Verbreitung zu verhindern. Ein negatives Schnelltest-Ergebnis schließt eine Corona-Infektion nicht völlig aus, warnt das Robert-Koch-Institut. Insbesondere wenn die Tests nicht gezielt – also ohne konkreten Verdacht – durchgeführt werden, sinkt die Zuverlässigkeit der Ergebnisse.

Wann wird es Ihrer Einschätzung nach im Landkreis wieder ein "normales" Leben geben?

Das ist eine schwierige Frage, die wohl niemand genau beantworten kann. Die gute Nachricht ist: Wir kommen im Landkreis Lüneburg mit den Corona-Impfungen gut voran, und das Tempo wird zunehmen. In dieser Woche werden wir die Zweitimpfungen in allen Alten- und Pflegeheimen abschließen. Das ist ein wichtiger Meilenstein, denn so können viele Todesfälle in dieser besonders verletzlichen Gruppe verhindert werden. Auch die Testmöglichkeiten werden ausgebaut. Das deutet darauf hin, dass im Laufe des Jahres zumindest wieder mehr "normales Leben" möglich sein könnte.