15.04.2017 - Wenn es den Begriff nicht schon gäbe, man müsste ihn erfinden: Nachhaltigkeit. Welch' Strahlkraft und Glanz! So richtungweisend und bedeutungsschwanger kommen sonst allerhöchstens noch Integration, Populismus und Gleichstellungsbeauftragte daher. Doch so schön die Vorstellung von einem Rundum-Sorglos-Begriff auch ist, bleibt er doch eine Chimäre, ein leeres Plakat, auf das jeder pinseln kann, was ihm so in den Sinn kommt. Nun soll sogar eine ganze Stadt nachhaltig werden, mit Fahrrädern. Blödsinn? Macht nichts.

Lüneburg hat knapp 80.000 Einwohner und 60 Fahrräder. Jedenfalls solche, die laut Oberbürgermeister Ulrich Mädge für Nachhaltigkeit sorgen sollen. Die stehen an sechs verschiedenen Orten in der Stadt verteilt. Wer eines davon benutzen möchte, muss dafür bezahlen. Aber es sollen weitere dazukommen, verspricht der OB. Wieviel, sagt er nicht, ist wohl auch besser so, denn Geld hat er keins, die Stadtkasse ist leer, nachhaltig leer sozusagen, die Stadt steckt in den Miesen. Macht nichts, Investition in Nachhaltigkeit klingt trotzdem gut. 

Angenommen, jeder Lüneburger würde sich so ein Leih-Rad für jeweils eine Stunde ausleihen. Wenn er Pech hat und als Letzter dran kommt, müsste er exakt 55,5 Tage lang auf ein freies Rad warten – vorausgesetzt, die Lüneburger fahren rund um die Uhr. Mit anderen Worten, nur alle 55,5 Tage käme man in den Genuss dieses Nachhaltigkeits-Vehikels. Blöde Idee? Macht nichts, alles braucht seine Zeit.

Geschützt ist der Begriff übrigens nicht. Jeder kann ihn benutzen, so oft er will und wofür er will. VW kann ihn für seine Limousinen ebenso verwenden wie Vattenfall für seine Braunkohlekraftwerke. Was es bedeutet und ob es stimmt, ist piepegal, den meisten reicht ohnehin schon, wenn sie nachhaltig nur lesen, um auch daran zu glauben. Das ist ja das Schöne an ihm: Man muss gar nichts wissen, sich nicht der Mühe des Verstehens unterziehen, des Nachfragens oder Informierens, man kann es einfach glauben. Nachhaltigkeit ist göttlich! 

Haben Sie eigentlich bemerkt, dass innovativ out ist? Schon lange sogar. Es ging, als nachhaltig kam. Macht sich in den Pressemitteilungen, Geschäftsberichten und Produktbeschreibungen auch viel besser. Klingt auch klarer. Und verkauft sich besser. Wie, das hat mit Nachhaltigkeit nichts zu tun? Macht doch nichts, Hauptsache, die Menschen glauben's.  

Übrigens: Verleih-Fahrräder gibt es auf Föhr schon seit den 60er-Jahren, der Autoverkehr auf der Insel hat seitdem trotzdem nachhaltig zugenommen. Macht nichts, Föhr ist trotzdem schön.

Ein Kommentar von Ulf Stüwe
zum Beitrag "Weniger Autos, mehr Wohnungen"