Coca-Cola legt Vorhaben für weitere Grundwasserentnahme in Lüneburg auf Eis – Politik zeigt sich erleichtert 

Das im Landkreis Lüneburg geförderte Grundwasser wird von Coca-Cola vornehmlich für die Produktion seines Mineralwassers "Vio" genutzt. Foto: LGheuteLüneburg, 18.01.2022 - Einen dritten Trinkwasser-Brunnen für Coca-Cola in Lüneburg wird es vorerst nicht geben. Wie das Unternehmen heute mitteilt, werde das Vorhaben vorerst eingestellt, einen wasserrechtlichen Antrag für die Entnahme von Wasser an einem dritten Brunnen im Landkreis Lüneburg einzureichen. Zur Begründung nannte das Unternehmen die sinkende Nachfrage auf dem Mineralwassermarkt. In der Politik und von der Bürgerinitiative "Unser Wasser" wurde die Entscheidung überwiegend begrüßt. 

"Wir haben unser Vorhaben jahrelang mit großer Anstrengung verfolgt und dabei alle Vorgaben des behördlichen Verfahrens eingehalten. In den Jahren des Verfahrens hat sich die positive Entwicklung im Mineralwassermarkt allerdings nicht wie erwartet fortgesetzt. Im Gegenteil: Der Markt schrumpft und wir sehen nun leider, dass diese Entwicklung weiter anhält", teilte das Unternehmen am Vormittag mit.

Die Situation im Mineralwassermarkt habe sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Als die Entscheidung für das Vorhaben im Jahr 2016 getroffen wurde, sei die Mineralbrunnenbranche von einem jahrelangen Positivtrend geprägt gewesen, so Coca-Cola. Von 2011 bis 2016 sei der Absatz von Mineralwasser nach Angaben des Verbands Deutscher Mineralbrunnen e.V. (VDM) kontinuierlich gestiegen, 2015 – also vor der Entscheidung – sogar deutlich um 4,2 Prozent.

Seit 2019 sei der Absatz von Mineralwasser laut VDM aber "erheblich zurückgegangen" – um 5 Prozent im Jahr 2019 und um 5,3 Prozent im Folgejahr. Für 2021 sei von einem weiteren Absatzrückgang auszugehen. Zusätzlich wirke sich die Corona-Pandemie negativ auf das wettbewerbsintensive Mineralwassergeschäft aus.

"Deshalb sind wir nach intensiver Prüfung zu dem Schluss gekommen, dass die Marktsituation einen wasserrechtlichen Antrag für eine zusätzliche Wasserentnahme aktuell nicht mehr rechtfertigt", sagt Tilmann Rothhammer, Geschäftsführer Customer Service & Supply Chain der CCEP Deutschland GmbH. "Wir können der aktuellen und in naher Zukunft erwarteten Nachfrage mit unserer derzeitigen Auslastung und unseren bestehenden Brunnen vorerst gut nachkommen." 

◼︎ Brunnen-Proteste nicht ausschlaggebend

Als eine Reaktion auf die anhaltenden Proteste gegen den Brunnen will Coca-Cola seine Entscheidung nicht verstanden wissen. "Die Entscheidung, unser Vorhaben vorerst einzustellen, haben wir allein aufgrund der Marktsituation getroffen. Diese rechtfertigt es aktuell nicht mehr, einen wasserrechtlichen Antrag zu stellen", teilte das Unternehmen auf LGheute-Nachfrage mit.

◼︎ Reaktion aus Hannover

"Es ist mit Sicherheit auch dem engagierten Eintreten der Bürgerinnen und Bürger vor Ort geschuldet, dass es jetzt zu dieser Entscheidung gekommen ist", teilte Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies am Nachmittag mit. "Die mitunter sehr emotionale Diskussion um diese Genehmigung hat einen Vorgeschmack darauf gegeben, welche Debatten wir angesichts der Folgen des Klimawandels um unser kostbares Gut Wasser noch führen werden." Die Sommer werden trockener und heißer, sagte Lies, der Wasserbedarf werde steigen. "Hier stehen Konflikte um die Nutzung bevor, in denen wir als Politik gefordert sind, diese zu moderieren." Das werde das Land im Interesse aller Nutzer auch tun.

◼︎ Arbeitsplätze sollen erhalten bleiben   

"Wir als Landkreis und Untere Wasserbehörde haben diesen Schritt von Coca Cola nicht zu bewerten, die Entscheidung trifft das Unternehmen als Antragsteller für sich selbst", sagte Landrat Jens Böther zu der Entscheidung und erklärt: "Die Diskussionen über das Projekt haben uns als Landkreis Lüneburg, unseren Kreistag und unsere Bevölkerung für die Lebensgrundlage Grundwasser sensibilisiert. Das finde ich gut und wichtig." Böther gab zugleich sein Versprechen, bei dem Thema "am Ball" zu bleiben. So arbeite der Landkreis weiter gemeinsam mit zahlreichen Partnern an einem Wassermanagement-Konzept. Die nächsten Schritte dazu sollen Mitte Februar im Ausschuss für Umweltschutz vorgestellt werden.

"Ich begrüße die Entscheidung der Apollinaris Brands GmbH, auf einen 3. Brunnen im Raum Lüneburg zu verzichten", sagt Lüneburgs Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch. Coca-Cola zeige sich damit "als verlässlich", da es schon vorher die Zusage gegeben habe, kein Wasser fördern zu wollen, das nicht benötigt werde. Sie begrüßte in dem Zusammenhang auch die Erklärung der Geschäftsführung, dass die Produktionslinien und die Arbeitsplätze in Lüneburg erhalten bleiben. 

◼︎ BI "Unser Wasser" fordert Rückbau der Anlage

Verhaltene Freude äußerte auch Marianne Temmesfeld, Sprecherin der Bürgerinitiative "Unser Wasser", die seit Jahren gegen die Grundwasserentnahme durch Coca-Cola kämpft. "Natürlich begrüßen wir, dass der Brunnen vorerst nicht kommt. Wenn wirklich eine sinkende Nachfrage nach Mineralwasser der Grund für den Rückzieher ist, ist es auf jeden Fall erst einmal eine positive Nachricht: Sie würde bedeuten, dass das Bewusstsein in der Bevölkerung gestiegen ist, Mineralwasser zu meiden."

Zugleich äußerte Temmesfeld die Vermutung, dass die Entscheidung nur ein "vorübergehender Effekt" sein könnte, "von daher ist vorzeitige Freude nicht angesagt." Außerdem könne ein Antrag jederzeit gestellt werden. Im Falle von Coca Cola betrachte sie es kritisch, dass die Entscheidung "offenbar ausschließlich" aus Gründen der Nachfrage gefällt worden sei statt die Umweltauswirkungen zu berücksichtigen. Dies zeige einmal mehr, dass das Thema Nachhaltigkeit "bei diesem Konzern nur ein Imagefaktor ist". 

"Noch ist nicht alles vom Tisch, wir bleiben weiter wach", kündigte Temmesfeld an. Zugleich forderte sie den Rückbau der Brunnenstube für den geplanten dritten Brunnen. Erst wenn diese Einrichtung entfernt ist, sei auch der Brunnen "endgültig vom Tisch". 

◼︎ Grüne fordern "fairen Preis" für Trinkwasser

Erleichtert zeigte sich auch die SPD-Landtagsabgeordnete Andrea-Schröder-Ehlers: "Die Debatten und Proteste der letzten Jahre haben gezeigt, dass durch die veränderte Klimasituation der Umgang mit Wasser viel intensiver betrachtet werden muss. Lüneburg verfügt über besonders gutes Trinkwasser, das muss auch für nachfolgende Generationen geschützt werden."

Einen "großen Erfolg für den Schutz des Wassers" nannte Imke Byl, umwelt- und klimapolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion in Hannover, die Entscheidung des Unternehmens. "Der breite Protest hat verhindert, dass ein einzelnes Unternehmen über Jahrzehnte die Nutzungsrechte für übergroße Teile des Grundwassers erhält." Im Sinne der Klimavorsorge sei das ein wichtiger Beitrag, den Nutzungsdruck auf das Gemeingut Wasser zu mindern. 

Weiter fordern die Grünen ein landesweites Wassermanagement, auch soll die Entnahme von Trinkwasser auf ein nachhaltiges Maß begrenzt werden. Zudem soll es für kommunale Genehmigungsbehörden mehr Spielräume im Genehmigungsverfahren geben, um Wasservorkommen für künftige Entwicklungen vorzuhalten. Kostbares Trinkwasser verdiene zudem einen "fairen Preis", damit es sinnvoll und sparsam eingesetzt wird. "Die Pläne von Coca-Cola, Wasser in Plastikflaschen abzufüllen und durch die Lande zu karren, waren genau das Gegenteil", so Byl.

◼︎ Zukunft der Brunnenanlage ungewiss 

Was mit dem Brunnenbau von Coca-Cola an der Landwehr zwischen Lüneburg und Reppenstedt geschieht, will der Landkreis in den kommenden Wochen klären. "Der Bau wurde zunächst für die Probebohrung und den Pumpversuch geschaffen", erläutert Stefan Bartscht, Fachdienstleiter Umwelt beim Landkreis Lüneburg. "Nun kommt es unter anderem darauf an, was das Unternehmen weiter damit vorhat." Klar sei: Um dort weiteres Wasser zu fördern, wäre ein Antrag beim Landkreis notwendig.

Aktualisiert: 18.01.2022, 16.09 Uhr