Ein Interview zur Aktion #allesdichtmachen offenbart die zunehmende Diskursunfähigkeit dieser Republik  

Foto: LGheute27.04.2021 - Wenn die Aktion "#allesdichtmachen", die von bekannten deutschen Schauspielern ins Leben gerufen wurde und bei vielen Politikern, Medienvertretern und in weiten Teilen der Öffentlichkeit einen Sturm der Entrüstung ausgelöst hat, eines deutlich gemacht hat, dann dies: dass sie dringend erforderlich war. Warum sie als Lehrstück in Sachen Diskursfähigkeit herhalten kann, zeigt ein Interview, das der Deutschlandfunk mit Dietrich Brüggemann als einem der Initiatoren der Aktion geführt hat.

Deutschlandfunk-Moderatorin Mascha Drost im Interview mit dem Regisseur Dietrich Brüggemann. Der Mit-Initiator der Aktion wurde mehrfach ausgezeichnet für Drehbücher und Filme bei verschiedenen Festivals, unter anderem bei der Berlinale:

Drost: "Wie und warum ist die Aktion zustandegekommen? Wen wollten Sie erreichen?"

Brüggemann: "Die Aktion ist in einer Gruppe zustandegekommen. Ich spreche hier als Teil dieser Gruppe, aber ich spreche nicht für die Gruppe, ich spreche für mich. Ziel der Gruppe ist, den verengten Diskursraum in diesem Land aufzurütteln und aufzuweiten, indem wir ihn packen und schütteln. Dieser kolossale Shitstorm, den wir gekriegt haben, der zeigt ja, dass ja genau das notwendig ist. Dass man einige sehr, sehr vage und lapidare Sachen sagt über einen Zustand, der so nicht tragbar ist, und man dann dermaßen beschimpft wird als arrogant, zynisch und menschenverachtend in einem Vokabular, wo ich nur sagen kann: Entschuldigung, dieser Shitstorm, wenn hier überhaupt irgendwas rechts ist, dann ist dieser Shitstorm faschistoid."

Drost: "Aber an den Corona-Maßnahmen und ihren Folgen, speziell auch für die Kultur, für Schauspiel, Musiker, da haben ja auch andere Kritik geübt. Gestern zum Beispiel der Kulturrat. Oder Oliver Reese, der Intendant des Deutschen Theaters, sie sind ja auch sehr deutlich geworden. Aber der Shitstorm ist ausgeblieben. Vielleicht lag es ja auch an der Art und Weise, wie Sie Ihr Anliegen rübergebracht haben? Also anders gefragt: War die ironisch-satirische Form, die ideale, die richtige?"

Brüggemann: "Offenbar ja, denn sonst hätten wir ja keinen Shitstorm gehabt."

Drost: "Offenbar nein, sonst hätte man sich ja vielleicht ohne Shitstorm mit diesem Thema auseinandersetzen können."

Brüggemann: "Das Problem ist ja: Kritik an diesen Maßnahmen gibt es seit einem Jahr von klugen, intelligenten, schlauen, reflektierten und umsichtigen Leuten wie zum Beispiel Matthias Schrappe und seiner Gruppe, die aber komplett gegen die Wand laufen. Sie werden entweder gar nicht gehört oder vollkommen ignoriert oder halt gleich in die rechte Ecke gestellt. Dieses ganze Dagegensein und so, das bringt ja offenbar nichts. Also es findet offenbar eine Debatte in den Medien statt, aber es ist eine Phantom-Debatte. Die Politik macht einfach unbeirrbar immer weiter. Und jetzt kriegen wir als nächstes den Bundes-Lockdown. Also das ist ja anscheinend irgendwie nicht zielführend. Und eine Kritik, die gehört werden will und die wirklich wehtun will, weil in einer Situation wie dieser muss Kritik wehtun. Wenn man lieb und nett und brav ist, dann bringt das ja anscheinend nichts."

Drost: "Im Moment wird ja weniger über die Kritik debattiert als über die Art und Weise, wie sie rübergebracht wird. Das kann ja auch nicht Sinn und Zweck der Sache sein."

Brüggemann: "Das ist sehr schade, aber sagt, dass diese Gesellschaft in einem sehr traurigen Zustand ist, weil ... (undeutlich) ... müssten inhaltlich über die Kritik reden, über die Maßnahmen. Und wenn dieser Shitstorm vorbei ist, dann wird sich was geändert haben, dann kann man inhaltlicher reden. Wir verhöhnen doch nicht oder ... (undeutlich) ... irgendwelches Leid, ist ja völliger Quatsch. Was diese Aktion hier macht, ist: Sie hält dem besserverdienenden und bessergestellten Medienbürgertum der selbstgerechten Twitterblase, so ungefähr, die die ganze Zeit den Lockdown fordert, aber vollkommen übersieht, was mit dem Rest dieser Gesellschaft dadurch geschieht, dem hält sie den Spiegel vor. Diese ganze Heuchelei, die sagt, ich schütze mich und andere, indem ich zu Hause bleibe und so weiter – diese ganze Rhetorik, wenn wir darüber reden wollten, dann müssen wir auch nüchtern über die Kollateralschäden reden und die abwägen. Aber das passiert nicht. Das ist eine Medienblase, die sich dieses Diskurses verweigert, und die muss man daher packen und schütteln."

Drost: "Keiner der Schauspieler und der Schauspilerinnen ist ja irgendwie verdächtig, der Querdenker-Szene nahezustehen oder der AfD. Jan-Josef Liefers hat sich auch schon distanziert – was Hanns Zischler nebenbei in seinem Video die ganze Zeit macht, er distanziert sich von allem. Und trotzdem bekommen Sie ja jetzt Applaus aus einer Ecke, mit der Sie sich ja nicht unbedingt gemein machen wollten, unterstelle ich Ihnen jetzt einfach mal. Haben Sie das im Vorfeld einkalkuliert, billigend in Kauf genommen? Oder einfach unterschätzt?"

Brüggemann: "Es war weder einkalkuliert noch billigend in Kauf genommen. Was soll ich dazu sagen? Ich sage folgendes: Mein ganzes Leben lang habe ich das getan und gesagt, was ich für richtig gehalten habe. Jetzt tue ich weiter das, was ich für richtig halte, und auf einmal kommt dann Applaus von der AfD und alle anderen sagen, Du bist jetzt rechts. Das kann doch nicht so ganz sein oder da stimmt doch was nicht. Wenn der Diskurs so verengt ist, dass auf einmal nur noch die AfD in der Lage ist, ein paar grundlegende Wahrheiten, nämlich dass es möglich ist, dagegen zu sein gegen diesen Lockdown, wenn man damit schon nur noch irgendwie den falschen Leuten in die Hände spielt. Was ist denn das für ein Diskurs, wo ich sag, dagegen sein, sind die falschen Leute? Und deswegen wird gesagt: Ich bin dagegen, dann spielst du den falschen Leuten in die Hände. 

Drost: "Ja, und Kritik kommt auch nicht nur von der AfD, sondern zum Beispiel auch von der Linken. Und auch immer wieder sind in Zeitungen oder auch jetzt bei uns im Deutschlandfunk Stimmen zu hören, die sich sehr, sehr kritisch mit der Politik auseinandersetzen. Täglich."

Brüggemann: "Ja, das ist doch wunderbar. Ich hoffe, dass sie durchdringen."

Drost: "Aber Ihnen sind es zu wenig?"

Brüggemann: "Mir ist die Wirkung zu wenig. Ich sehe ja, wie die Politik einfach immer weitermacht und sie uns immer weiter diese moralischen Geschichten erzählen, bald wird alles besser wenn wir Abstand halten und Maske tragen. Jetzt stehen uns nochmal drei bis dreieinhalb harte Monate bevor und dann wieder drei harte Monate und so weiter und so fort. Währenddessen schau ich in andere Länder, die das alles ein bisschen anders machen und wo es auch nicht schlechter ist als bei uns, teilweise sogar deutlich besser. Davon lese ich aber in der deutschen Presse verdammt wenig. Und wenn, dann wird es immer gleich kritisch eingeordnet. Ich habe immer das Gefühl, in den Medien ist es meistens so, dass der Journalist schon ganz genau weiß, was gut und falsch und richtig und schlecht ist, und er mir das vorher schon mitteilt, damit ich ja nicht das Falsche denke. Weil der Zuhörer und Zuschauer ist ja potentiell doof und vielleicht sogar Nazi. Und deswegen müssen sie im Vorhinein immer schon ganz genau sagen, was gut oder schlecht ist. Nur diese Haltung ist ein Problem und verhindert einen offenen Diskurs. All das muss man satirisch überhöhen und überspitzen und zum Abschuss freigeben."

Das Interview ist eine Niederschrift eines Interviews im Deutschlandfunk vom 23. April 2021 in der Sendereihe "Kultur heute". Die Original-Audio-Datei steht im Deutschlandfunk zeitlich befristet zum Nachhören bereit.

 

 

Kommentare  

# Brigitte Soltau 2021-04-28 17:01
Ein wirklich guter Kommentar, der die Situation gut beschreibt.
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# Alexander 2021-04-28 10:23
Bravo.
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