In Kaltenmoor will die Stadt einen fragwürdigen Neubau errichten

Die Grafik zeigt das geplante Hortgebäude aus Holz, Stroh und Lehm. Grafik: Dohse und Partner Architekten mbB HamburgLüneburg, 30.05.2022 - Wie viel Trostlosigkeit verträgt Lüneburg, oder anders gefragt: Rechtfertigt das Prinzip der Nachhaltigkeit den Verzicht auf die Anwendung ästhetischer Grundsätze? Hintergrund dieser Frage ist der Bau eines neuen Hortgebäudes, das die Stadt in Kaltenmoor errichten will – ein Neubau, der an gestalterischer Schlichtheit kaum zu überbieten ist. 

Ein "einmaliges Pilotprojekt" sei der neue Hort, der hinter der Anne-Frank-Schule entstehen soll – so jedenfalls sieht es die Stadtverwaltung als Bauherrin des Objekts. Doch nicht Funktionalität und Ästhetik stehen dabei im Mittelpunkt der Bauverwaltung, sondern lediglich Aspekte der Nachhaltigkeit. Denn dem Neubau soll die "Cradle to Cradle"-Idee zugrunde liegen, also die Wiederverwertbarkeit der eingesetzten Baustoffe.

Wer schon einmal einen traditionellen Bauernhof besucht hat, wird sich indes fragen, was an dem Projekt so einzigartig sein soll. Denn Holz und Lehm sowie Stroh für die Dämmung der Außenwände, die als "gesunde Hauptmaterialien" gewählt wurden, wie Christoph Müller, Bauingenieur bei der Hansestadt Lüneburg, hervorhebt, werden seit Jahrhunderten für jeden klassischen Hühnerstall eingesetzt. 

◼︎ Als Chance für Kaltenmoor nutzen

Diese Assoziation muss wohl auch das Architekturbüro Dohse und Partner Architekten mbB aus Hamburg im Sinn gehabt haben, als es sich an die Arbeit machte. Herausgekommen ist eine schlichte Holzkiste, die jeden architektonisch Interessierten erschrecken lässt. Dass Kaltenmoor selbst kein städtbauliches Glanzstück ist, rechtfertigt einen solchen Entwurf gleichwohl nicht. Im Gegenteil: Hier hätte die Stadt die Chance, in dem Quartier mal einen gänzlich neuen Akzent zu setzen. 

Dass das Architekturbüro offenbar keine Skrupel hatte, einen solchen Hühnerstall-gleichen Entwurf der Stadt vorzulegen, ist das eine. Das andere ist, dass die Bauverwaltung ihn den Lüneburgern auch noch als etwas ganz Besonderes verkaufen will – frei nach Hans Christian Andersens Märchen "Des Kaisers neue Kleider". Man fragt sich dennoch, was die Bauverwaltung getrieben hat, einen solchen Entwurf zu akzeptieren. Kosten? Oder doch einfach nur Desinteresse?

◼︎ Umfrage

Die Lüneburger haben die Chance, sich zum Thema Nachhaltiges Bauen zu äußern. Weil Lüneburg kürzlich von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH) als eine von mehreren Modellregionen für das Thema "Vorreiter im Bereich Nachhaltigkeit im Bausektor" ausgewählt wurde, führt die Stadt gemeinsam mit der Hochschule nun eine Online-Befragung zum Verständnis und den Wünschen der Lüneburger beim nachhaltigen Bauen im öffentlichen Raum durch.

"Wir würden uns wünschen, dass möglichst viele mitmachen", appelliert Christoph Müller. Schließlich profitierten auch Verwaltung und Politik bei künftigen Bauvorhaben von den Ergebnissen. So könne man besser einschätzen, welche Vorbehalte und Erwartungen in der Bevölkerung gebe. Ästhetische Aspekte werden in dieser Umfrage leider nicht behandelt. Hier geht es vorrangig um die Frage, wie viel Mehrkosten Lüneburger persönlich bereit sind, für nachhaltiges Bauen der Stadt zu akzeptieren.

Die Online-Befragung ist erreichbar unter https://www.soscisurvey.de/Nachhaltigkeit_oeffentlicher_Bau/?q=Lueneburg.  

◼︎ Die "Cradle to Cradle"-Idee

Hinter dem Begriff "Cradle to Cradle" (übersetzt: Von der Wiege zur Wiege; Abkürzung: C2C) steht die Anwendung einer konsequenten Kreislaufwirtschaft. Das Konzept wurde Ende der 1990er-Jahre von dem US-Amerikaner William McDonough und dem Deutschen Michael Braungart entwickelt. Laut Wikipedia sind Cradle-to-Cradle-Produkte "solche, die entweder als biologische Nährstoffe in biologische Kreisläufe zurückgeführt oder als technische Nährstoffe kontinuierlich in technischen Kreisläufen gehalten werden können". 2012 wurde die C2C NGO gegründet, eine gemeinnützige Organisation zur Verbreitung der "Cradle to Cradle"-Idee. Sitz der NGO ist Berlin.

In Lüneburg hatte C2C mit der Leuphana Universität einen prominenten Unterstützer gefunden. Hier wurde von 2014 bis 2018 der jährliche "Internationale Cradle to Cradle Congress" durchgeführt. Michael Braungart hatte zudem ein innerstädtisches Gebäude von der Stadt Lüneburg erworben, in dem ein C2C-Museum eingerichtet werden sollte. Seitdem ist es um dieses Projekt ruhig.

In Deutschland gibt es 22 C2C-Regionalgruppen, eine davon in Lüneburg, die an der Leuphana Universität angesiedelt ist.

 

 

Kommentare  

# Tony 2022-06-02 06:32
Das heißt nicht Bauherrin, sondern Baudame, wenn ich bitten darf. Danke.
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