Warum es irrelevant ist, ob eine Frau Bundespräsidentin wird
06.11.2026 - Nun steht es offenbar fes: Die CSU-Politikerin Ilse Aigner soll Bundespräsidentin werden. Das ist zum einen begrüßenswert, weil das Land damit endlich den selbstherrlich amtierenden Präsidenten Frank-Walter Steinmeier los ist – obwohl er auch gehen müsste, wenn Aigner nicht käme, sondern irgendwer anderes. Dass aber ein Bundespräsident sich zehn Jahre im Amt halten konnte, der die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin als eine der "Frauen der Weltgeschichte" würdigte, sagt nicht nur viel über den Bundespräsidenten mit sozialistischem Hintergrund aus, sondern vor allem über die, die ihn in dieses Amt hievten. Womit wir beim Thema wären.
Wie ist die Lage? Markus Söder, Bayerns CSU-Ministerpräsident, schlägt seine potentielle Konkurrentin ums Ministerpräsiedentenamt Ilse Aigner als künftige Bundespräsidentin vor und hofft, sie so nach Berlin entsorgen zu können. Und er weiß, dass er damit Friedrich Merz ans Schienbein treten kann, weil der Bundeskanzler und CDU-Vorsitzende auf die seit langem bekannte Personalentscheidung mal wieder nicht vorbereitet ist und so ziemlich dumm dasteht.
Dies ist alles hinlänglich in den Medien kommuniziert, die seit Wochen mehrheitlich darauf hinschreiben, dass es ja nun endlich auch mal Zeit für eine Frau an der Spitze des Staates sei. Wo man sich natürlich fragen kann, ob die Medien, die hier mal wieder ein geschlechterspezifisches Defizit wittern, die 16-jährige Amtszeit von Angela Merkel nicht mehr in Erinnerung haben, auch nicht, dass Ursula von der Leyen an der Spitze der EU-Kommission steht und Christine Lagarde Präsidentin der Europäischen Zentralbank ist, ebenso dass Mette Frederiksen seit 2019 dänische Ministerpräsidentin ist, Giorgia Meloni seit 2022 Italien regiert und Marine le Pen aller Voraussicht nach demnächst in Frankreich den Ton angibt. Alles also Frauen, die irgendwie in die Zentren der Macht gestolpert sind in einer Welt, in der nur machthungrige Männer das Sagen haben, die vieles nach vorn bringen wollen, nur keine Frauen?
Unwahrscheinlich. Denn der Machtinstinkt von Männern ist ja nicht auf die Ausschaltung von Frauen fokussiert. Was auch absurd wäre, weil Machtinstinkt gerade nicht an ein Geschlecht geknüpft ist, sondern weil einmal eingenommene Machtpositionen grundsätzlich ungern kampflos aufgegeben werden. Wer schon einmal eine Chefin hatte, wird dies bestätigen.
Was das mit Ilse Aigner zu tun hat? An und mit ihr wird Grundsätzliches deutlich: Ohne Männer wie Söder oder Merz kann sie niemals Bundespräsidentin werden. Mit anderen Worten: Die Frage, ob eine Frau an der Spitze eines Staates steht, entscheiden Männer. Nur: Auch diese Männer entscheiden, welche Männer nach oben kommen und welche nicht. Die Frage des Geschlechts ist insofern nachrangig und hat in der aktuellen Debatte nur deshalb Gewicht, weil sie aus vermeintlich feministischen Überzeugungen medial noch gut vermarktbar ist.
Spannend in diesem Zusammenhang aber wäre dieser Gedanke: Frau Aigner lehnt das großzügige Angebot, sie als erste Frau auf den Bundespräsidenten-Schild zu heben, mit dem deutlichen Hinweis ab, dieses Angebot nicht annehmen zu können, weil es ihr von Männern unterbreitet wird und nicht selbst erkämpft wurde. Würden all' die Frauenbewegten in der Republik dann auf die Barrikaden gehen oder ihr dafür den verdienten Respekt zollen, den sie sich mit ihrer Ablehnung erkämpft hätte?
Natürlich lehnt Ilse Aigner nicht ab. Denn sie weiß, dass die Frage, ob nun endlich mal eine Frau ins Bundespräsidialamt einzieht, völlig irrelevant ist. Dass Söder und Co. die Frauenfrage dennoch in den Vordergrund rücken, sagt mehr über ihr Unvermögen aus, sich von den medialen Schlagzeilen zu lösen, statt sich auf die wirklich wichtigen Themen zu konzentrieren. Machtpolitiker sind deshalb auch nicht immer die erfolgreichen Politiker.

