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Ungleiche Konkurrenten

15.09.2026 - Geschichte wiederholt sich nicht, manches aber eben doch. In Lüneburg ist es der Kampf um die Führung im Rathaus, die wie schon 2021 auch bei der diesjährigen OB-Wahl wieder mit dem Duell Kalisch - Meyer in die Endrunde geht. Doch ganz so gleich, wie es auf den ersten Blick scheint, sind die Vorgänge dann doch nicht. Und das hat auch damit zu tun, dass seitdem fünf Jahre ins Land gegangen sind, in denen beide Kandidaten Zeit hatten, ihr Profil und ihre Positionen auf- und auszubauen.

Beim Vergleich der beiden Kontrahenten lohnt der Blick zurück. Beide konnten um Vergleich zu 2021 ihre Erstwahlergebnisse steigern – Kalisch von 33,72 auf 36,12 Prozent, Meyer von 22,73 auf 28,22 Prozent –, was den Schluss nahelegt, dass beide bei den Lüneburgern an Profil gewonnen haben könnten. 

Bei Kalisch sieht die Sache relativ klar aus, schließlich kann man ihr den sogenannten Amtsbonus als Punktezuwachs zugute halten. Als Amtierender ist ihr die mediale Aufmerksamkeit sicher, über mangelnde Bekanntheitsgrade bei den Lüneburger muss sie nicht klagen, auch wenn Bekanntheit nicht immer positiv besetzt sein muss..

Meyer hingegen muss sein Plus auf andere Weise errungen haben. Zwar hat auch er als LCM-Chef jede Möglichkeit gesucht, sich in die häufig kontroversen und publikumswirksamen Debatten um die Zukunft des Lüneburger Einzelhandels und des teils angeschlagenen Lüneburger Stadtbilds ins Gespräch zu bringen. Die Reichweiten einer Oberbürgermeisterin aber konnte er damit nicht wettmachen.

Warum aber hat Meyer es trotzdem erneut in die Stichwahl geschafft? Nach dem, was allseits zu hören ist, ist es seine Bürgernähe. Er schwafelt nicht, bringt die Dinge auf den Punkt, ist dort zur Stelle, wo es brennt und mischt sich ein und eckt auch bei den "Großen" gern mal an. So einen mögen viele.

Kalisch kann mit dieser Art des Populismus nicht mithalten, sie will es vermutlich auch nicht. Sie hat andere Ziele, und die haben mit Lüneburg nur am Rande zu tun: Sie ist Grüne Oberbürgermeisterin. Das machen ihr derzeit nicht viele nach, und das wird ihr in der Partei hoch angerechnet. Und wohl auch honoriert: Denn sollte Kalisch bei der anstehenden Stichwahl unterliegen, dürfte sie mit einem wohldotierten Posten zumindest auf Landesebene entlohnt werden – ein Procedere, das die Grünen wohlwollend von den anderen Parteien übernommen haben.

Doch seit ihrem Wahlsieg 2021 regiert Kalisch Lüneburg eher unambitioniert. Klar, wenn es um Grüne Projekte geht, sieht sie zu, dafür die erforderlichen Mehrheiten zu finden. Wenn es aber um Fragen wie mehr Wohnungsbau, zu hohe Mieten oder Sicherheit und Ordnung geht, wirkt sie passiv oder uninteressiert und schickt bei Problemen lieber ihre Dezerneten ins Feld. An vorderster Front sieht man sie auch: Dann, wenn es Positives zu berichten gibt, und sei es ein neues Vorfahrtschild für Radfahrer. Immerhin hat sie es damit bis in die Stichwahl geschafft.

Und was hat Meyer zu bieten? Der Endfünfziger ist den Beweis, dass er es besser kann, noch schuldig geblieben – klassisches Schicksal eines jeden Herausforderers. Er selbst zumindest nimmt für sich in Anspruch, als Parteiloser keinem Parteizwang zu unterliegen. Das muss für Lüneburg – und nicht nur für Lüneburg – das Schlechteste nicht sein. Schließlich können so jenseits ideologischer Festlegungen Anträge und Projekte umgesetzt werden, die durchaus sinnvoll und notwendig sind.

Allein, die Erfahrung zeigt, dass dieser Weg einer der schwersten ist. Denn Mehrheiten werden nicht in Ratssitzungen, sondern weit vorher im Gespräch, im Austausch und im Gekungel mit Fraktionen gefunden. Wer da eine fraktionelle Mehrheit hinter sich hat, ist eindeutig im Vorteil. Meyers selbsterklärtes Alleinstellungsmerkmal, parteilos zu sein, könnte sich daher statt zu einem luftig aufsteigenden Heißluftballon auch zu einem zentnerschweren Mühlstein entwickeln. Erschwerend kommt hinzu, dass Meyer in Sachen Verwaltungserfahrung Kalisch nicht die Hand reichen kann, auch wenn sie sich in ihrer Amtszeit nicht gerade als Verwaltungsikone behauptet hat.

Die Lüneburger stehen damit am 27. September vor der Frage: Wollen sie weiter eine Oberbürgermeisterin, die Grüne Politik macht, den Lüneburgern aber lieber anderes verkaufen möchte, oder wollen sie einen Lüneburger, der ohne Zweifel mit viel Empathie und Power ins Amt strebt, von Verwaltung aber keine Ahnung hat? Vielleicht aber wird sich am 27. auch der eine oder andere die Augen reiben und sich fragen, ob dies wirklich die beste Wahl ist, die Lüneburg zu bieten hat.

Ein Kommentar von Ulf Stüwe
zum Beitrag "Kalisch oder Meyer"

 

 

 

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