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Aufgelesen: Hinzugekommen oder integriert?

Der Integrationsreport für Niedersachsen wirft Fragen auf

Foto: LGheute23.12.2025 - Es gibt nicht viele Bereiche, in denen Niedersachsen im bundesweiten Ländervergleich Spitzenwerte erzielt. Entsprechend stolz präsentiert die Staatskanzlei in Hannover jetzt das Ergebnis ihres "Integrationsreports Niedersachsen 2025". Danach ist das Bundesland "führend beim Zugehörigkeitsgefühl" und überzeugt mit einem "besonders positiven Integrationsklima". Ein Bericht, der Fragen aufwirft. 

Menschen mit Migrationshintergrund fühlen sich in Niedersachsen "so stark zugehörig wie in keinem anderen Bundesland", verkündet die Staatskanzlei und nennt dies ein "klares Signal des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der Weltoffenheit in Niedersachsen".

Mehr als jeder Vierte in Niedersachsen hat einen Migrationshintergrund. 2024 waren es 2,06 Millionen Menschen, 26 Prozent der Bevölkerung. Bei Kindern unter 15 Jahren liegt der Anteil sogar bei 38,5 Prozent.

Dem Report zufolge, den die Staatskanzlei gemeinsam mit dem Landesbeauftragten für Migration und Teilhabe, Deniz Kurku, und dem Bündnis "Niedersachsen packt an" veröffentlicht hat, ist das Bundesland Spitze bei der "Identifikation mit Deutschland". Danach fühlten sich im vergangenen Jahr 87 Prozent von ihnen "voll und ganz" oder "eher" zu Deutschland zugehörig, im Bundesdurchschnitt sind es 83 Prozent. Lediglich 2 Prozent fühlen sich "gar nicht" zugehörig. Auch bewerten Menschen mit Migrationshintergrund das gesellschaftliche Miteinander in Niedersachsen besser als im Bundesdurchschnitt und sogar positiver als Menschen ohne.

Ein klares Indiz für gelingende Integration ist aus Sicht der Staatskanzlei zudem die Zunahme der Einbürgerungen. 23.381 Menschen erhielten 2024 die deutsche Staatsbürgerschaft. Besonders häufig entscheiden sich Menschen aus Syrien, dem Irak und Russland dafür. Auch die Erwerbstätigenquote wurde in dem Bericht berücksichtigt. Sie liegt bei 67,1 Prozent mit den Schwerpunkten Handel, Gastgewerbe, Verkehr und Baugewerbe. 

◼︎ Aktiv oder passiv?

Dass die Politik prüft, ob die von ihr beschlossenen Maßnahmen zur Integration von Menschen aus anderen Ländern und vor allem anderen Kulturen auch greifen, macht Sinn. Unverständlich ist aber, warum Integration wie hier eindimensional verstanden wird. Denn ob sich jemand "voll und ganz" zugehörig fühlt, wirft zunächst einmal den Blick auf die andere Seite der Medaille: auf die hier bereits Lebenden. Und damit auf die Frage, inwieweit sie es vermocht haben, die Hinzugekommenen zu integrieren. Denn die Frage lautete ja nicht, ob die Neuen sich in ihre neue Umgebung integriert haben, sondern ob sie sich zugehörig fühlen, also hier aufgenommen wurden.

Unklar bleibt auch, warum die Personen mit Migrationshintergrund sich hier zugehörig fühlen. Weil die zahlreichen Integrationsbemühungen seitens der Politik und der Gesellschaft greifen? Weil sie sich aktiv integriert haben? Oder weil inzwischen vielleicht schon so viele Gleichgesinnte da sind, dass eine Integration in die bestehende Gesellschaft gar nicht mehr lohnt? Immerhin brüstet sich die Landesregierung mit dem bereits hohen Anteil von Menschen mit Mintegrationshintergrund, die sich in Niedersachsen bereits niedergelassen haben.

Damit liefert der Report leider nicht das, was man sich von ihm gewünscht hätte: eine kritische Bestandsaufnahme der Integrationsleistungen beider Seiten.

Zum Integrationsreport: Er basiert auf den neuesten Mikrozensus-Daten sowie dem Integrationsmonitoring der Länder und wurde vom Landesamt für Statistik Niedersachsen in Zusammenarbeit mit der Staatskanzlei zusammengestellt. Er umfasst die Bereiche Demografie, Bildung, Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe.

 

 

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