LGheute im Gespräch mit Prof. Dr. Waldemar Stange, Leuphana Universität Lüneburg

Hansestadt, 15.07.2012 - Soll man Kinder und Jugendliche an wichtigen gemeinschaftlichen Entscheidungen beteiligen? Darf man sie beteiligen? Und wollen sie überhaupt beteiligt werden? Ihr Interesse an den eher nüchternen Themen, mit denen Städte und Gemeinden aufwarten können, ist verhalten bis ablehnend. Professor Dr. Waldemar Stange vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik an der Leuphana Universität Lüneburg hat jetzt für den Landkreis Lüneburg ein Programm erarbeitet, mit dem die Partizipation von Kindern und Jugendlichen gelingen soll.

Im Gespräch mit LGheute erläutert er, was Partizipation bedeutet und warum wir sie brauchen.

 

LGheute: Herr Professor Stange, haben Ihre Kinder zu Hause etwas zu sagen?

Waldemar Stange: Meine Kinder sind nicht mehr im Hause. Aber als sie es noch waren, haben wir – glaube ich – eine recht partnerschaftliche und konstruktive Situation gehabt. Als unsere Kinder noch kleiner waren, haben ihnen unsere Familienkonferenzen immer sehr viel Spaß gemacht.

 

LGheute: Damit gehört Ihre Familie vermutlich zum bundesweiten Durchschnitt. Studien zufolge herrschen in den Familien weitestgehend "demokratische" Zustände, 60 Prozent der Kinder und Jugendlichen fühlen sich dort ernst genommen. In den Kommunen sind es nur 15 Prozent. Warum?

Waldemar Stange: Kommunen sind natürlich viel komplexer und schwieriger zu steuern. Sie verfügen im Allgemeinen auch nicht über eine große pädagogische Infrastruktur, wenn man von den kommunalen Kindergärten und der punktuell vorhandenen kommunalen Jugendpflege einmal absieht. Und die enge Beziehungsstruktur in der Familie bietet ja auch viel bessere, exzellente Einflusschancen. Und viele Eltern haben auch begriffen, dass eine partizipative Grundhaltung und auch das Ernstnehmen von Kindern ganz viel mit einer guten Entwicklung von Kindern allgemein und auch einer positiven schulischen Lernhaltung zu tun haben.

 

LGheute: Wenn es nach Ihnen und dem Landkreis Lüneburg geht, sollen Kinder und Jugendliche demnächst auch in den Kommunen mitreden dürfen. Wie soll das gehen, sie sind ja noch nicht einmal wahlberechtigt?

Waldemar Stange: Hier gibt es aus fachlicher Sicht eine Reihe von wirklich guten Lösungen und ein großes Spektrum von erprobten und praktikablen Vorschlägen. Das geht von den punktuellen kleinen Formen der Beteiligung und der Alterspartizipation über die Beteiligung in den Erwachsenen-Institutionen  – zum Beispiel im Jugendausschuss – bis hin zu Jugendeinwohnerversammlungen und Projekten; und natürlich auch zu den Kinder-und Jugendparlamenten.

 

LGheute: Stichwort Jugendparlamente: Das ist ja im Grunde nichts Neues, nur so richtig durchgesetzt hat sich die Idee in Deutschland - im Gegensatz zu Frankreich - noch nicht. Ist Deutschland weniger demokratisch?

Waldemar Stange: Das glaube ich nicht. Aber wir haben in diesem Bereich – wie ja auch in der Bildungspolitik – gegenüber manchen europäischen Ländern doch Zeit verloren, weil wir Kindern und Jugendlichen nicht so viel zutrauen.

 

LGheute: Wie sieht die Lage im Landkreis Lüneburg aus?

Waldemar Stange: Es hat hin und wieder Versuche mit Jugendparlamenten gegeben. Es hat eine Reihe von Projekten gegeben – auch in Schulen und Kindertagesstätten. Aber das sind doch eher punktuelle Versuche. Von einem Gesamtsystem und der Selbstverständlichkeit von Kinder- und Jugendbeteiligung sind wir noch ein Stück weit entfernt. Das soll sich nun ja ändern. Das hat auch zu tun mit dem Auftrag der niedersächsischen Kommunalverfassung, in die der Gesetzgeber in § 36 den Kommunen ins Stammbuch geschrieben hat, dass sie die Kinder und Jugendlichen an sie betreffenden Entscheidungen in der Kommune zu beteiligen haben.

 

LGheute: Anfang Juni fand in Lüneburg zum Thema Partizipation von Kindern und Jugendlichen eine Veranstaltung in Kooperation mit der Leuphana unter Ihrer Leitung statt. Was ist dabei heraus gekommen?

Waldemar Stange: Wir waren zunächst einmal angenehm davon überrascht, dass an einem Sonnabend sich 80 Interessierte und Engagierte gefunden haben, um sich über Möglichkeiten der Kinder- und Jugenddemokratie zu informieren. Besonders gefreut hat es mich, dass etliche Kommunalpolitiker, darunter Ausschussmitglieder und Bürgermeister, sowie Ehrenamtliche aus den Vereinen und Organisationen, aus Kindergärten usw. gekommen sind. Es ist sehr erfreulich, dass die Resonanz so hervorragend war. Es ist – glaube ich – gelungen, die Teilnehmer und Teilnehmerinnen von der Notwendigkeit der Kinder- und Jugendbeteiligung zu überzeugen. Und vor allem ist es gelungen, durch gute Beispiele aus anderen Landkreisen und Bundesländern die Zuversicht zu gewinnen, dass das funktionieren kann. Im Rahmen der Veranstaltung gab es viele Anfragen zu möglichen Projekten und zu der Möglichkeit, auch im nächsten Jahr an Multiplikatoren-Schulungen teilzunehmen.

 

LGheute: Kinder oder Jugendliche, also die Hauptzielgruppe, waren nicht eingeladen. War das nicht ein Versäumnis?

Waldemar Stange: Das ist nicht ganz korrekt. Es gab auf der Tagung mehrere Jugendgruppen (unter anderem aus Lingen, Ratzeburg und Elmshorn), die ihre gut funktionierenden Partizipationsprojekte sehr überzeugend vorgestellt haben. Ansonsten sind die eigentlichen Zielgruppen der Tagung natürlich die relevanten Erwachsenen gewesen, die die Kinder- und Jugendpartizipation vorantreiben und stützen müssen. Alle Erfahrungen der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass der Kern einer guten Kinder- und Jugendpartizipation gute Erwachsene sind. Wir werden am zweiten Schritt dann natürlich die sozialräumlich angepassten Partizipationsmodelle für den Landkreis selbstverständlich mit den Jugendlichen zusammen entwickeln. Aber, um mit Jugendlichen zu arbeiten, braucht man andere Veranstaltungsformate. Da sind Tagungen sicherlich nicht die erste Wahl.

 

LGheute: Schulen hingegen waren eingeladen, kamen aber nicht.

Waldemar Stange: Ja. Das war auffällig. Es gab nur einen einzigen Lehrer unter den 80 Teilnehmenden. Dass ist auch ein Punkt, der mir Sorgen macht. Ich bin an mehreren empirischen Untersuchungen zum Status der Kinder- und Jugendpartizipation in Deutschland beteiligt gewesen. Und dabei hat sich durchgehend gezeigt, dass die Schulen im Bereich Partizipation einen erheblichen Nachholbedarf haben. Dass ist  sehr schade, weil hier eigentlich eine ausgezeichnete Infrastruktur vorhanden ist und man in diesem Bereich viel tun könnte.

 

LGheute: "Mitreden, Mitplanen, Mitmachen" stand auf Ihrem Einladungsfolder, Mitentscheiden aber nicht. Das erinnert ein wenig an das EU-Parlament in Straßburg. Glauben Sie, dass Jugendliche sich damit begnügen werden, nur Vorschläge machen zu dürfen?

Waldemar Stange: Nein, ganz sicher nicht! Natürlich geht es auch um Entscheidungen. Kinder und Jugendparlamente zum Beispiel sind zahnlose Tiger, wenn sie keine eigenen Kompetenzen und Rechte in eigenen Angelegenheiten haben, zum Beispiel eigene Finanzen. Es geht ja nicht darum, dass sie bei sämtlichen, teils hochkomplexen kommunalen Erwachsenen-Themen mitentscheiden wollen, sondern um Entscheidungen in ihren eigenen Angelegenheiten. Und die gibt es genügend!

 

LGheute: In dem Folder heißt es auch, dass mit der Beteiligung von Kindern an Entscheidungsprozessen in den Kommunen die Gemeinden kinderfreundlicher werden sollen. Ist das das Ziel von Partizipation?

Waldemar Stange: Ja. Kinderfreundlichkeit ist von Partizipation gar nicht zu trennen! Wer Kindern nicht zuhören kann und ihnen keine eigenen Rechte gibt, kann schwerlich kinderfreundlich sein. Das ist vor allen Dingen unter dem Gesichtspunkt des erhofften späteren Engagements von Kindern und Jugendlichen für die Gesellschaft von elementarer Bedeutung. Kindern und Jugendlichen, denen man schon früh die Möglichkeit bietet, an der Gestaltung der Gesellschaft und der Kommunen mitzuwirken, engagieren sich – dies ist empirisch sauber belegt – auch später als Erwachsene häufiger bürgerschaftlich und politisch. Insofern sind Kinderfreundlichkeit und Partizipation eine echte Schlüsselfrage für die Zukunft unseres Landes

 

LGheute: Böse Zungen behaupten, dass mit den Jugendparlamenten die Politiker von morgen herangezogen werden. Immerhin klagen die Gemeindeparlamente - und nicht nur sie - über fehlenden Nachwuchs. Ist die Kritik berechtigt?

Waldemar Stange: Diese Kritik ist nicht berechtigt. Erstens zeigen alle Erfahrungen, dass sich die Jugendlichen überhaupt nicht instrumentalisieren lassen und meistens in ihren Parlamenten keine parteipolitische Orientierung wünschen. Wenn sich Wissenschaft und Politik aber dennoch erhoffen, dass irgendwann Jugendliche diese Erfahrung gemacht haben, dass sie Einfluss haben können – die Wissenschaft spricht hier vom Prinzip der Selbstwirksamkeit – und dass es sich lohnt, sich einzumischen, dann später doch noch in der Politik oder in bürgerschaftlichen Organisationen und Verbänden landen, dann ist das nicht ehrenrührig, sondern verantwortungsvoll.

 

LGheute: Noch in diesem Jahr sollen Moderatoren ausgebildet werden, die ab 2013 Partizipationsmöglichkeiten in den Kommunen entwickeln und begleiten sollen. Haben Sie schon Interessenten gefunden?

Waldemar Stange: Es war eine sehr positive Erfahrung, dass die erste Ausschreibung für die Moderatorenausbildung sofort ausgebucht war. Meines Wissens handelt es sich hier um eine der ersten landkreisbezogenen Moderatorenausbildung in Deutschland. Die meisten bisher durchgeführten Qualifizierungen fanden auf Landesebene oder Bundesebene statt. Es ist ein sehr positives Zeichen, dass wir es geschafft haben,  allein für die Landkreisebene und insbesondere für die drei Samtgemeinden Amelinghausen, Gellersen und Ilmenau (die sich im Rahmen des Bundesprogrammes "Kompetenzen fördern…" als Projekt AGIL zusammengeschlossen haben) diesen Kurs sehr schnell voll zu bekommen. Wir mussten sogar etwas überbuchen, um die Anfragen befriedigen zu können. Möglicherweise werden wir im nächsten Jahr noch einen zweiten Kurs anbieten.

 

LGheute: Wie werden Sie, wie wird der Landkreis das Thema weiter begleiten? Mit der Ausbildung von Moderatoren allein ist es ja vermutlich nicht getan.

Waldemar Stange: Im nächsten Jahr werden wir daran gehen, ein Gesamtkonzept für die Landkreisebene unter Integration sozialräumlicher Einzelkonzepte zu entwickeln. Hier wird es dann auch die ersten Projekte der ausgebildeten Prozessmoderatoren für Kinder und Jugendbeteiligung geben. Ich sitze zurzeit an der Formulierung eines Forschungsantrages, der uns hier größere finanzielle und personelle Möglichkeiten geben wurde. Aber das ist natürlich noch nicht in trockenen Tüchern. Außerdem arbeiten zwei Doktoranden an diesem Thema, was auch eine sehr gute Unterstützung der Universität  darstellt.

 

LGheute: Ab wann rechnen Sie mit nachweisbaren Erfolgen?

Waldemar Stange: Das ist schwer zu sagen. Die Rendite für solche Maßnahmen fährt man im Allgemeinen erst nach vielen Jahren ein. Sicherlich gelingt es häufig, gute Projekte, die auch Aufmerksamkeit erregen, auf die Beine zu stellen. Das werden wir auch tun. Aber die Auswirkungen im Verhalten der Kinder und Jugendlichen werden sich – das ist nun mal die Zeitstruktur von pädagogischen Prozessen – erst in etlichen Jahren einstellen. Eine klimatische Veränderung in den Samtgemeinden in Richtung auf mehr Kinder-und Jugendfreundlichkeit, Partizipation und bürgerschaftliches Engagement von Kindern und Jugendlichen wird sich aber hoffentlich früher einstellen.

 

LGheute: Unsere letzte Frage: Wo möchten Sie heute in einem Jahr stehen?

Waldemar Stange: Ich hoffe, dass alle Moderatoren und Moderatorinnen dabei bleiben und in einem Jahr viele spannende Partizipationsprojekte umgesetzt haben. Das ist nicht nur Voraussetzung zur Erlangung des Zertifikates in der Ausbildung. Das ist sicher auch ein Gewinn für die Kommunen und Vereine, die sie abgestellt haben und auf diese Weise etwas zurückbekommen. Ich hoffe auch, dass in einem Jahr der Forschungsantrag genehmigt ist und wir das Projekt dann schon auf breitere Beine gestellt haben.

 

LGheute: Wir kommen darauf zurück und danken für das Gespräch.