Die Tourismusbranche will nun auch "systemrelevant" werden
Lüneburg, 26.12.2025 - Über schwächelnden Tourismus können Stadt und Landkreis Lüneburg nicht klagen. Jahr für Jahr steigt die Zahl der Besucher und Übernachtungen, die Tourismusbranche boomt. Noch, denn das könnte sich angesichts der anhaltend wirtschaftlichen Schwäche in Deutschland schon bald ändern. Dass der Tourismusverband Niedersachsen (TVN) und der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband Niedersachsen (Dehoga) die Anerkennung des Tourismus nun als "systemrelevant" fordern, ist nachvollziehbar, aber vermessen.
Mit rund 330.000 Beschäftigen zählt der Tourismus mit zu den wichtigsten Wirtschaftsbereichen in Niedersachsen. Allein in Lüneburg gab es 2024 rund 428.000 Gäste-Übernachtungen und rund 6 Millionen Tagestouristen. TVN und Dehoga sehen sich schon deshalb auf Augenhöhe mit der Automobilindustrie. Allerdings, so deren Klage, erfahre ihre Branche in politischen Entscheidungsprozessen noch immer nicht die Anerkennung, wie sie anderen Schlüsselbereichen der Wirtschaft zukomme. Beide Verbände fordern daher die "verbindliche Anerkennung der Tourismuswirtschaft als Leitökonomie", wie sie in einer gemeinsamen Presseerklärung mitteilten.
"Der Tourismus ist wirtschaftlich und gesellschaftlich systemrelevant. Es ist an der Zeit, dass diese Relevanz von Landesseite entsprechend anerkannt wird", findet etwa Holger Heymann, Landrat des Landkreises Wittmund und Vorsitzender des Tourismusverbands Niedersachsen. Auch der Dehoga sieht hier eine Dringlichkeit: "Unsere Branche schafft Arbeitsplätze, investiert und hält viele Regionen lebendig. Diese Leistung muss politisch eine ebenso hohe Wertschätzung erfahren wie die anderer Schlüsselbranchen", so Dehoga-Präsident Dirk Breuckmann.
◼︎ Viele Faktoren für Zurückhaltung
Dass dieser Vorstoß jetzt kommt, überrascht nicht. Denn nach Jahren kontinuierlichen Wachstums scheint ein Ende des Tourismus-Booms näher zu kommen. Anzeichen dafür sind etwa die aktuellen Arbeitsmarktdaten mit erkennbarer Tendenz zu zunehmender Arbeitslosigkeit. Die Gründe hierfür sind bekannt: Die Wirtschaft liegt wie gefesselt am Boden, die Anzahl der Insolvenzen in Deutschland ist so hoch wie lange nicht und immer mehr Betriebe verlagern ihre Aktivitäten ins kostengünstigere Ausland.
Aber auch mit dem Eintritt vieler Älterer ins Rentnerdasein, in dem das verfügbare Einkommen von einem Tag auf den anderen spürbar schrumpft, wird die Bereitschaft für touristische Ausflüge und Extravaganzen sinken. Hinzu kommen steigende Heizungs- und Spritkosten durch die gesetzlich vorgegebene CO2-Bepreisung, die vor allem Geringverdienern kaum noch Geld für anderes übrig lassen wird.
◼︎ Begründung fehlt
Das wissen auch TVN und Dehoga. Beide haben die Absenkung der Mehrwertsteuer auf Speisen in der Gastronomie von 19 auf 7 Prozent mit Beginn des kommenden Jahres deshalb auch bereits als "wichtigen Schritt zur Stabilisierung der Branche" begrüßt. Doch das allein genügt ihnen nicht, sie wollen mit der Anerkennung ihrer Branche als "systemrelevant" nun auch noch geadelt werden.
Eine Begründung dafür liefern die beiden Verbände nicht. Ihr Argument, die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus müsse endlich auch anerkannt werden, deutet gleichwohl an, was hinter ihrer Forderung steckt: Wer als systemrelevant anerkannt ist, kann und darf in einer wirtschaftlichen Krise nicht fallengelassen werden. Mit anderen Worten: Sollte es der Branche demnächst schlechter gehen, muss der Staat einspringen, wie er es auch in den Bereichen macht, die bereits als systemrelevant eingestuft sind.
◼︎ Belege fehlen
Dass die beiden Verbände ihre vermeintliche Systemrelevanz nun für sich selbst einfordern, ist forsch, zumindest aber ungewöhnlich bis unglücklich. Denn Belege etwa von führenden Wirtschaftsinstituten für ihre Forderung liefern sie nicht. Vermutlich aus gutem Grund: Während nämlich Schlüsselindustrien wie die Automobilwirtschaft, die Stahlindustrie und sämtliche weiteren Industrien im produktiven Sektor wertschöpfend tätig sind, trifft dies für den Tourismus als Dienstleistungsbranche nicht zu.
Der Einwand, schließlich ist ja auch die Finanzwirtschaft als systemrelevant eingestuft, obwohl auch sie nicht wertschöpfend unterwegs ist, ist berechtigt. Doch gilt für sie, dass ihr Umstürzen alle anderen Bereiche mit ins Bodenlose reißt. Das dürfte für die Tourismusbranche nicht gelten.
Hintergrund
Der Tourismusverband Niedersachsen ist ein tourismuspolitischer Fachverband und dient seinen Mitgliedern als Interessenvertretung gegenüber Bund und Land. Zu seinen Mitgliedern gehören unter anderen auch die Lüneburger Heide GmbH und der Fachverband Dehoga.

